2009

28.5.-16.6.2009
Galerie Peithner-Lichtenfels, Wien

  • Innere Werte, äußerer Schein –
    Verpackte Kunstwerke von Wolfgang Becksteiner
    von Günther Holler-Schuster
    Wolfgang Becksteiners Kunst ist grundsätzlich von konzeptuellen Ansätzen geprägt. Prozesshaftigkeit und der sehr bewusste Umgang mit und im Raum sind dabei wiederum zentral. Ob es seine Auseinandersetzung mit Informationsträgern (Bücher, Zeitungen, etc.) ist, oder ob es sich um seine „Vermessungen“ des Raumes handelt, alle Bestrebungen des Künstlers begreifen Kunst in einem erweiterten Sinn.

    Seine jüngste Werkgruppe ist mit „Innere Werte“ betitelt. Dabei verpackt er ältere Kunstwerke aus der eigenen Produktion in Holzkisten und platziert sie wie Bilder an der Wand oder wie Skulpturen im Raum. Angaben über den Inhalt sind auf der Holzverpackung zu lesen. Wenn man die Boxen jedoch öffnet, ist das Objekt kein Kunstwerk mehr – auch das kann man der Beschreibung entnehmen. Becksteiner verübt gleichsam eine aktionistische Handlung an seinen eigenen Kunstwerken. Sie werden dem direkten Blick der Öffentlichkeit entzogen, womit ihre Existenz generell hinterfragt wird. Robert Rauschenberg hat 1951 eine Zeichnung von Willem de Kooning ausradiert, Arnulf Rainer tat das etwas später mit einer Zeichnung Alberto Giacomettis und Sol LeWitt hat 1968 einen Kubus aus Metall in der Erde vergraben – „The Buried Cube“. Jeweils wurden Bemühungen unternommen, das klassische Kunstwerk aufzulösen. Es sind subversive, sogar aggressive Akte, die hier genannt wurden. Sie alle haben die vollständige Auslöschung der Materialität zum Ziel, zugunsten der realen Handlung und des gedanklichen Konzepts.
Innere Werte – Galerie Peithner-Lichtenfels, Wien | 2011

Wolfgang Becksteiners „innere Werte“ sind – vielleicht am ehesten mit Sol LeWitts vergrabenen Kubus vergleichbar – zwar noch vorhanden, jedoch auch nur mehr auf gedanklicher Ebene. Konkret ist nur die

Objekthaftigkeit, die sich in Becksteiners Fall aus dem Verpackungsmaterial ergibt. Damit ist diese Arbeit auch sehr nahe an der Tradition der „Empaquetage“ von Man Ray, der 1920 für sein

surrealistisches Objekt „Das Rätsel des Isidore Ducasse“ eine Nähmaschine mit schwarzem Tuch verhüllt und mit Schnüren zugebunden hat; über die „Nouveaux Realistes“, die unterschiedliche Dinge in Akkumulationen

zusammengefasst und verpackt haben, bis zu Christo, der sogar Gebäude und Landstriche verpackte bzw. akzentuierte, gibt es eine lange Entwicklungslinie. Während bei den genannten Beispielen oft der verpackte Gegenstand sichtbar bleibt, wird bei Becksteiner maximal das Volumen des darin befindlichen Gegenstandes nachvollziehbar.

Innere Werte – Galerie Peithner-Lichtenfels, Wien | 2011

Wolfgang Becksteiner korrigiert mit seinen Verpackungen seine alten Arbeiten nicht, sondern spricht sie als Kunstwerke mit ganz anderen Qualitäten an, als es bisher der Fall war. Der avantgardistische Künstler hat um die Zerstörung des

bürgerlichen Kunstbegriffes gerungen. So entstanden Formen wie Happening, Fluxus, Concept Art etc. Becksteiner vereint hier plötzlich diese radikalen Ausformungen mit den traditionellen Überlegungen von Bild und Objekt. Ein derartiges Kunstwerk öffnet sich in die widersprüchlichsten Bereiche und macht sie für sich geltend. Niemand würde eine flache

Holzkiste wie ein Bild an die Wand hängen, wenn nicht die Kraft des Künstlers ausreichen würde, sie zum Kunstwerk zu machen. Für das Publikum bleibt einiges unsicher. Es muss sich gedanklich mit dem Werk befassen. Diese Auseinandersetzung wird schon in dem Moment zwingend, in dem man die Entscheidung treffen muss, ob man die Verpackung öffnen soll oder nicht. Wie auch immer diese Entscheidung ausfällt, sie bindet den Betrachter ins Kunstwerk ein – auch wenn er es öffnet.

Die scheinbare Absenz des Kunstwerks provoziert das grundsätzliche Hinterfragen des Begriffs und ist gleichzeitig Anlass zur Auseinandersetzung mit dem Betriebssystem Kunst. Wolfgang Becksteiners „Innere Werte“ stehen somit in einer langen Tradition, die das Kunstwerk von seiner Aufgabe der Dekoration und der Illustration zu befreien sucht.

Günther Holler-Schuster

Innere Werte – Galerie Peithner-Lichtenfels, Wien | 2011
Innere Werte – Galerie Peithner-Lichtenfels, Wien | 2011
Innere Werte – Galerie Peithner-Lichtenfels, Wien | 2011
Innere Werte – Galerie Peithner-Lichtenfels, Wien | 2011
Innere Werte – Galerie Peithner-Lichtenfels, Wien | 2011
Innere Werte – Galerie Peithner-Lichtenfels, Wien | 2011
Innere Werte – Galerie Peithner-Lichtenfels, Wien | 2011