2007

Neue Galerie Graz / Studio
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„definierte Willkür“ | 2007
„definierte Willkür“ | 2007
„definierte Willkür“ | 2007

Definierte Willkür
von Elisabeth Fiedler

Die Ursprünge der Medien und deren Genese lassen sich zurückführen bis zur Entstehung der Menschheitsgeschichte, der Fähigkeit zur Kommunikation und Weitergabe von Information.

Wahrnehmung von Geräuschen, Stimmen und Eindrücken der Umgebung, deren Wiedergabe und in der Folge Reflexion in Form von Sprache und figuralen sowie abstrakten Darstellungen bilden die Basis für die Entwicklung vom Wort bis zur medialen Inszenierung, vom Schriftzeichen bis zu den Neuen Medien, von der Höhlenzeichnung bis zum Cyberspace und der virtuellen Realität. Eng verbunden damit ist die Veränderung der körperlichen, räumlichen und zeitlichen Distanzen. War es in der Antike noch notwendig, Pheidippides mit der Information über den Sieg der Athener von Marathon aus als Läufer körperlich eine reale Wegstrecke zurücklegen zu lassen und die Information mündlich zu überbringen, um Authentizität zu gewährleisten, ändert sich die Form der Übermittlung sprunghaft mit der Verbreitung von Schrift mit dem Buchdruck in der Gutenberg-Galaxis (Marshall McLuhan) und der rasanten Entwicklung der technischen Revolution.

Orts- und Zeitungebundenheit sowie die nicht mehr nötige körperliche Präsenz an einem Übermittlungsort kulminieren heute in einer Informations- bzw. Datenüberflutung, die weder überschau- noch verifizierbar erscheint. Gleichzeitig gibt es keine Bereiche innerhalb der Gesellschaft, seien es Politik, Ökonomie, Wissenschaft oder Kunst, die ohne Kommunikations- und Informationsmedien denkbar wären. Zunehmend schufen und organisierten sie sich selbst, das Medium selbst wurde, nach Marshall McLuhan, zur Message. Parallel dazu können Informationen über Datenhighways nahezu zeitgleich mit

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ihrer Entstehung an jeden Ort transferiert werden. Die Medien etablierten sich als politische, ökonomische, soziale Faktoren, wobei sich das Konzept der Informationsgesellschaft, wie Armand Mattelart es darlegt, auf geopolitischen

Fragenstellungen basierend, als Alternative zu den beiden sich feindlich gegenüberstehenden Systemen des Kalten Krieges und der These vom Ende der Ideologien entwickelt hat.

Waren es in den 1970er Jahren noch hauptsächlich politische Fragestellungen, geprägt von Theoretikern, wie Walter Benjamin, Vilém Flusser, Michel Foucault, Friedrich Kittler, Marshall McLuhan, Sybille Krämer, Paul Virilio, Neil Postman und Claude E. Shannon, aber auch Claude Lévi Strauss oder Roland Barthes, innerhalb derer Medien hauptsächlich betrachtet wurden, so reichen sie heute von den

Kommunikationswissenschaften über die Soziologie bis zu ästhetischen und ethischen Theorien bei gleichzeitiger Skepsis gegenüber einer Wirksamkeit von Medien . Die Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Multimedialität und Intermedialität als ein wesentliches Kennzeichen so genannter moderner Gesellschaften hat innerhalb der letzten Jahrzehnte, beginnend bei Walter Benjamin, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno bezeichnender Weise Spezialisten aus unterschiedlichsten Bereichen, wie Gesellschaftstheoretiker, Philosophen, Soziologen, Kulturanthropologen, Künstler, eine Vielfalt von Medientheorien entwickelt und wurde zu einem der wichtigsten Parameter für das Verständnis des Weltgeschehens.

Innerhalb der Kunst wird mit der Entstehung von Fotografie und Film die Frage nach Realistätserfaßbarkeit, Dokumentierbarkeit, aber auch nach physischer Erfahrbarkeit, Nachvollziehbarkeit und Realitätsvorspiegelungen neu thematisiert. Bei steter Entwicklung der Neuen Medien und der interdisziplinären Prozesse

  • zwischen Zeichnung, Malerei, Skulptur, Fotografie, Film, Video, Literatur, Architektur, Design, Netzkunst und Computersprache leistet Österreich vor allem seit den 1960er Jahren, beginnend mit der ersten Generation der MedienkünstlerInnen, unter ihnen Adrian, Bechtold, Export, Gappmayr, Kriesche, Petzold, Rühm und Weibel spezifische Beiträge zur internationalen Kunst. Die analytischen Traditionen der Vergangenheit, von der Psychoanalyse Sigmund Freuds bis zur Sprachanalyse des Wiener Kreises bilden hier die Ausgangslage für soziokulturelle gesellschafts- und medienanalytische Themensetzungen.

    Basierend auf dieser Geschichte und im Wissen darüber, dass Kommunikations- und Informationsmedien nicht nur ganze Epochen dominieren, sondern auch Verständigungsverhältnisse und Wahrnehmungsmuster der Menschen prägen und der gleichzeitigen Erkenntnis der Überflutung und damit Bedeutungslosigkeit bzw. Willkür von medialen Effekten setzt Wolfgang Becksteiners Arbeit an.
    Er ist ausgebildeter Architekt, nahm 1999 an der fünfwöchigen Sommerakademie von Hermann Nitsch in Salzburg teil und bezeichnet seine spätere Begegnung mit Gottfried Bechtold als besonders wichtig. Das Ineinandergreifen von gestischer Körperlichkeit, konzeptueller Analytik und präziser Raumauslotung führt Becksteiner zu einer Arbeitsmethodik, die nicht nur einzelne Medien vermischt, sondern sie auch in eigenständiger Form reflektiert und befragt.

    So untersucht er einerseits die Verdichtung von Bild, Ton und Text und erzeugt andererseits durch einfache, minimale räumliche Veränderungen Irritation. Dabei bedient er sich gefundener und selbstreferenzieller Informationsträger, die er insofern abändert, als er sie transformiert, überlagert oder entrückt. Dies geschieht auf physisch erfassbarer Ebene ebenso, wie auf geistig-emotionaler oder rein intellektueller.
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Blickt der Passant im öffentlichen Raum von der Straße aus in den Ausstellungsraum, sieht er in jeder Fensterlaibung einen Monitor, auf dem sich Frequenzbilder tabellarisch strukturiert abzeichnen. Nur die Titel der Arbeiten geben Aufschluss darüber, dass Becksteiner hier in die Geschichte zurückgegeriffen, mediales Archivmaterial gesampelt und verdichtet hat, dessen Inhalte nun durch Komprimierung von Sprache, Bild und Ton aber nicht mehr eruierbar sind.

Einmal ist es die „Rede an die Hitlerjugend auf dem Nürnberger Parteitag“ vom 10. September 1933, die mit dem ebenfalls damals gesungenen Lied „Unsere Fahne flattert uns voran“ auf eine Länge von 2.20 min. verschnitten, ausgewertet und geloopt wiedergegeben wird, in der zweiten Arbeit richtet Karol Woytila, Papst Johannes Paul II.,

im Jahr 2003 „in deutscher Sprache Grußworte an die Christen Deutschlands“ (1,05 min.), es folgt das „Ave Maria“ von Jean de Prês, eine Motette für vierstimmigen Chor (4,58 min.), danach spricht der Papst „in deutscher Sprache über Tugend und Klugheit.“ (2,15 min.).

Beide Begebenheiten waren Massenveranstaltungen, Ereignisse, die sowohl unmittelbar von den Anwesenden, als auch über Live-Mitschnitte mitverfolgt werden konnten. Das politische Ereignis liegt 70 Jahre vor dem religiösen, die Möglichkeit, dass Papst Johannes Paul II. die Hitlerrede gehört haben könnte, besteht. So setzt Becksteiner die Relevanz des Speicherns, Archivierens und Erinnerns in Kontrast zur Schaffung von Neuem innerhalb eines historisch und medial vorgegebenen Systems. Aus beiden emotional weit

reichenden Medienereignissen sucht er nun das Konzentrat, untersucht er in mathematischer Genauigkeit die vorhandene Entropie, einen Begriff, den Shannon 1948 in seiner Arbeit „A Mathematical Theorie of Communication“ einführte und damit die moderne

Informationstheorie prägte. Diese Theorie verwendet den Begriff der Entropie, um die Informationsdichte von Nachrichten

  • zu charakterisieren: je ungleichförmiger eine Nachricht aufgebaut ist, desto höher ist ihre Entropie.
    Über diese Untersuchung lässt Becksteiner ein ästhetisches Medienkunstwerk entstehen, das gleichzeitig Stimmung, Inhalte und Massenwirksamkeit camoufliert und verschlüsselt wiedergibt.

    Betritt man den musealen, semi-öffentlichen Raum, scheint sich dieser mittels minimaler Eingriffe zu dehnen, gleichzeitig scheint er zu kippen. Durch mit gelben Industrieklebebändern abgegrenzte Zonen an Wänden, Decke und Boden wird einerseits der Raum aus den Angeln gehoben und damit als reales Umfeld in Frage gestellt, andererseits wird deutlich, dass erst der Raum die Möglichkeit für Interventionen, für Skulpturen, für Stellungnahmen gibt.
    Eine weitere, den Raum durchmessende Linie bildet sich durch

    aneinander gereihte, 5×10 cm große Plexiglasfliesen mit dem Ganzkörperselbstporträt des Künstlers, der sich in unendlicher Vervielfachung in gegenläufiger Schrittbewegung von sich selbst wegbewegt, um an einer Stelle wieder auf sich selbst zu stoßen. Sprach- und kommunikationslos erscheint Becksteiner hier selbst als geklonter Informationsträger, der einerseits Kontinuität suggeriert und

    andererseits die Ausweglosigkeit der Erreichbarkeit trotz der versuchten Verlangsamung im Schritttempo thematisiert.
    Im ersten Raum ist es die Veränderung archivierter Auftritte historischer Persönlichkeiten, die konzeptuelle

    Durchmessung des realen Raumes und Erweiterung auf einen imaginären, virtuellen hin, die verlangsamte und nachvollziehbare Selbstdarstellung ohne Sinngebung, im zweiten Raum komprimiert Becksteiner

    internationale Zeitungen unterschiedlichen Formats als analoge Medien, die wir täglich in Händen halten. Auf einer mit nicht nachvollziehbaren Textteilen übersäten Holzskulptur, die in sich selbst einen

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  • Spiegel verbirgt, und gleichzeitig als Sitzgelegenheit dient, können die von der Decke hängenden und in caféhausüblichen Halterungen befindlichen Zeitungen abgenommen und gelesen werden. Allerdings wird auch hier keine Information ersichtlich, denn Becksteiner hat die Zeitungen in einem Spezialverfahren butterbrotpapierartig durchsichtig gemacht, sodass die Mitteilungen der Vorder- mit derjenigen der Rückseite überlagert, verschmolzen werden und daher trotz Doppelinformation auf einen Blick kein Mehrwert ersichtlich wird.

    So erscheint Becksteiner in seinen Arbeiten die Überfrachtung bei gleichzeitiger Entleerung ebenso wichtig, wie materielle Transformation oder die Ambivalenz von Individualität und Anonymität. Dabei entlarvt er in der Verweigerung ursprünglicher Benutzbarkeiten sowie durch Neuordnung des Inhalts und der Form vorgegebene Mehrinformation als bewusste Täuschung und Irritation und stellt gleichzeitig die Frage, wie Ergebnisse menschlichen Denkens, Sprechens und Empfindens erhalten bleiben.
    Die scheinbare Widersprüchlichkeit im Titel „definierte Willkür“ lässt nicht nur die subjektive Auswahl des Absenders von Mitteilungen erkennen, sondern unterstreicht auch die Vielschichtigkeit der möglichen Lesarten der Adressaten, die doch alle in gleichem Maße informiert wurden.