ACH DU HEILIGER HAUFEN

Beton

Wolfgang Becksteiner: Ach du heiliger Haufen!!!
von Roman Grabner (2014)

 

Rund 150 Christusköpfe aus Beton liegen übereinander gestapelt und übereinander geworfen auf einem Haufen. Der Titel der Arbeit rekurriert auf Ausrufe wie „Ach du heilige Scheiße!“, „Ach du lieber Himmel!“, „Ach du heiliger Strohsack!“. Wie bei all diesen Redewendungen handelt es sich um einen unmittelbaren Ausdruck der Überraschung, Verwunderung und vielleicht auch Bestürzung. „Ach du

heiliger Haufen!!!“ ist jedoch nicht nur ein Ausruf des Erstaunens, sondern zugleich auch eine Beschreibung des Kunstwerks: vor uns liegt ein heiliger Haufen, eine Akkumulation von Christusköpfen.

Das neueste Werk von Wolfgang Becksteiner ist charakteristisch für die Arbeitsweise des Künstlers: Repetition der Darstellung, Akkumulation der Objekte und semantische Verschiebung infolge einer

Materialtransformation. Der Titel ist wie üblich humorvolles Wortspiel und essentieller Bestandteil des Kunstwerks, öffnet er doch weitere Zugänge zur polysemen Lesart der Skulptur. Die Bestürzung, die in der Redefigur vom „heiligen Haufen“ mitschwingt, bezieht sich auf die immanente Frage nach der Herkunft dieser heiligen Häupter und somit auf die Gewalt, die ihnen angetan worden ist. Wer hat diese Köpfe von welchen Christusfiguren abgeschlagen und welche Rolle spielt der Künstler dabei?

Zerstörte Abbilder von Gottheiten, zertrümmerte Heiligenfiguren und verwüstete Herrschaftsbilder haben eine lange kulturgeschichtliche Tradition. Ein Werk wie „Ach du heiliger Haufen!!!“ öffnet das weite Feld des Ikonoklasmus von den fanatischen Bilderstürmen religiöser Fundamentalisten bis hin zur politisch motivierten Geschichtstilgung einer damnatio memoriae. Die Arbeit hat somit eine palimpsestartige Wirkung, da ein anderer

Schauplatz hinter dem eminenten erkennbar wird. Eine kulturelle Vergangenheit wird sichtbar und drängt sich in die Gegenwart, um vergleichbare aktuelle Bilder aus den Medien zu rekontextualisieren und neu aufzuladen.

Ein heiliger Haufen als Sammelstellte für abgelaufene Heilserwartungen.

Die konventioneller Ikonographie der Christusköpfe – kaukasisch, Bart à la Henriquatre und lange Haare – und die schiere Menge lässt aber auch der Massenproduktion gewahr werden und somit der Komplizenschaft der Kirche mit den kapitalistischen Prozessen der Modernisierung und technokratischen Rationalisierung. Eine Kirche für die Massen benötigt natürlich auch Heilsbilder in Massen, die genauso einem Regelwerk zu entsprechen haben, wie sich auch die gläubigen Massen an ein Regelwerk zu halten haben. Der Ausdruck Religion leitet sich bekanntlich vom Lateinischen relegere ab, das eine

gewissenhafte Sorgfalt in der Beachtung von Vorschriften meint. Becksteiner wirft mit seiner Arbeit Licht auf einen Bereich, der normalerweise nicht in den Sinn kommt, wenn man von massenhafter, serieller Bildproduktion spricht, nämlich die Sphäre des Religiösen.

Doch auch hier gilt: Welches Bild produziere ich um welche Botschaft an welches Zielpublikum zu kommunizieren? Zugleich spiegelt der Haufen natürlich auch unsere

Konsumgesellschaft und damit eine Kultur, die nicht mehr bloß auf den Erwerb, sondern auf den Luxus des Wegwerfens aufbaut. Wenn Religion, wie Boris Groys und Peter Weibel schreiben, in unserer

postaufklärerischen Zeit immer mehr eine Ansammlung bestimmter Meinungen ist, die ausgetauscht und verworfen werden können, dann können wohl auch ihre Symbole und Bilder ausgetauscht und verworfen werden. Ein Nebenprodukt eines solchen flexiblen

Religionsverständnisses ist ein heiliger Haufen wie Becksteiner ihn geschaffen hat.

Das ganze ist mehr als die Summe seiner Teile

Der große Accumulateur Arman hat über seine Arbeitsweise geschrieben: „[… ] es geht hier nicht darum, ein Objekt aus dem Zusammenhang seines nützlichen, industriellen oder sonstigen Substrats zu lösen, um ihm durch eine bestimmte Präsentation oder Abwandlung seines Äußeren eine ganz andere Bestimmung zu geben als die, die ihm eigen ist; […]

vielmehr handelt es sich darum, ihn im Gegenteil auf einer Fläche, die durch seine wiederholte Präsenz x-mal sensibilisiert ist, wieder ganz in den ihm eigenen Zusammenhang zu stellen;“2.Becksteiner präsentiert die in Beton gegossenen Christusdarstellungen in einem quadratischen Metallrahmen, bringt das „Bild“ gewissermaßen zurück in den Rahmen, und nutzt die Akkumulation als

Potenzierung des Objektes. Die Darstellung des Einen wird neu befragt, ihre Modalitäten und die Parameter ihrer Entstehung neu überprüft und einem kritischen Blick zugeführt. Zugleich entsteht ein Spannungsfeld zwischen der zweck- und ortsgebundenen Skulptur der Vergangenheit und den vielfältigen, autonomen Möglichkeiten im

zeitgenössischen Kunstdiskurs. Bei Wolfgang Becksteiner wird der Christuskopf zu einem Gegenstand, der seinen kulturellen Kontext verloren hat und als Ausgrabungsstück einer Archäologie der Gegenwart inszeniert ist. Der heilige Haufen ist eine diagnostische Momentaufnahme unserer Gesellschaft in einem postsäkularen Zeitalter, das gerade die Wiederkehr der Religionen begeht.


2Arman, Réalisme des accumulations. In: Zéro, Düsseldorf, Nr. 3 (Juli 1961). Zit. nach: Denyse Duran-Ruel, Arman. Catalogue Raisonné. Paris 1991, Bd. II, S. 26.

Ach du heilger Haufen | 2014
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